Sound of Silence

„Hello darkness my old friend“, so beginnt der epochale Song des Singer/Songwriters Paul Simon, den er mit Art Garfunkel bereits 1964 im Stil des Folk eingespielt hat. Doch der Folkrevival war bereits tot, Wednesday Morning, 3 A.M., das Debut Album von Simon and Garfunkel, war ein Flopp. Art Garfunkel hatte darauf hin ein Architekturstudium aufgenommen, der ehrgeizige Paul Simon war zum Schmollen nach London immigriert. Da er nichts anderes konnte machte er auch dort Musik, wurde ein gefragter Kneipenmusiker mit einer Gage von 20 Pfund pro Abend. 1965 hatten Simon and Garfunkel ihre Karriere als Duo also schon wieder an den Nagel gehängt.

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Doch den beiden war nur die Vereinigung von Folk und Rock entgangen. Dem wachsenden intellektuellen Mainstream war Folk zu langweilig und Rock zu platt. So hat sich der Produzent Tom Wilson den Song nochmal vorgenommen, ihn ohne Absprache mit E-Gitarren, Bass und Schlagzeug overdubbt und im September 1965 als Single veröffentlicht. Die Musiker, die man dafür herangezogen hat waren übrigens die von Bob Dylan. Sie hatten nach einer Session für den Hit Like a rolling stone, zugedröhnt wie sie wahrscheinlich waren, nicht schnell genug das Studio verlassen und wurden zwangsverpflichtet, dem Sound of Silence etwas Wumms zu verpassen. Mit Erfolg. Der Song eroberte im Herbst und Winter 1965 die Billboard Hot 100 bis er auf Platz eins in den USA stand.

Bleibt die Frage, was soll an diesem Song so epochal sein? Bis heute wirft man Paul Simon ja vor, nicht Bob Dylan zu sein, sondern eher wie ein Gymnasiast zu dichten. Zu gewollt, zu vielsagend seien seine Lyrics. Woher also die Hymnenkarriere dieses Exflopps, die weit über das Jahr 1965 hinaus reicht? Die Erklärung ist bedeutsamer als man dies zunächst denken würde, und sie beginnt im Jahr 1962.

In seinem Buch The Global Village hat der Prophet der Postmoderne, Marshall Mac Luhan bereits 1962 das Ende der Gutenberg Galaxis verkündet. Die vom Bücherlesen ausgehende individualisierende Kraft würde immer mehr von der sozialen Überwachung in der globalen Dorfgemeinschaft des elektronischen Zeitalters abgelöst. Hier geht einerseits alles jeden etwas an, andererseits interessiere sich aber auch niemand mehr wirklich für irgendjemanden. Er warnte auch vor dem Totalitarismus und der Überwachung, denen durch die neuen Technologien Tor und Tür geöffnet werden. An die Stelle von Individualität und Privatsphäre werde eine kollektivistische Identität treten. Und genau davon singen Simon & Garfunkel. Der Ich-Erzähler des Liedes sieht im nackten Licht zehntausend oder noch mehr Menschen, die miteinander reden, ohne sich etwas zu sagen und die hören ohne hinzuhören. Keiner traut sich, die Stille zu durchbrechen.

Es geht also um die Stille des Ameisenstates. Die Fernsehserie Startrek hat diese vom Streben nach kollektiver Effizienz und Perfektion geprägte Gesellschaftsform mit den Borg genau auf den Punkt gebracht. Die Borg haben keinen eigenen Willen mehr, sondern werden durch winzige Maschinenimplantate assimiliert, um sich zu einem überlegenen Sozialorganismus zu vereinen.

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Heute sind wir soweit, wir sind kybernetische Wesen geworden. Jeder halbwegs smarte Fernseher vor den wir uns setzen meldet denen, die es wissen wollen was wir uns gerade für einen angepassten Schrott ansehen. Unser Mobiltelefon hinterlässt eine deutliche Signatur unserer Wege und Aufenthaltsorte. Google lernt, in dem wir es als Erweiterung unseres Bewusstseins nutzen, unsere privatesten Geheimnisse kennen, sogar wegen welchem Gebrechen wir zu welchem Arzt gehen. Wir haben ja vorher gegooglt welcher der Beste für unser Leiden ist. Mit der richtigen Brille werden wir bald Menschen auf der Straße mit Namen ansprechen können, die wir noch nie zuvor gesehen haben. Und wenn wir im entsprechenden sozialen Netzwerk nachsehen, wissen wir sogar, mit welchen Belanglosigkeiten sie sich scheinbar so beschäftigen. Unser Mail- und Kurznachrichtenverkehr wird von der CIA kartiert. Die Mächtigen merken sich, mit wem wir uns austauschen – und, ja, ganz sicher auch worüber. Da muss man doch mit den beiden singenden alten Freunden, Paul Simon und Art Garfunkel, einstimmen und warnen, dass das Schweigen wie ein Krebsgeschwür wächst.

Bald werden nur noch die Mutigsten dämlich genug sein zu sagen, was sie wirklich bewegt. Die anderen verbeugen sich schweigend vor dem Neonlicht, so erzählt der Song weiter, um es anzubeten. Dabei eliminiert die Angst ihre Individualität. Paul Simon wusste es bereits vor 50 Jahren, dass menschlicher Kollektivismus letztlich immer von Angst regiert wird, besonders aber der elektronische Cyberkollektivismus. Allerdings, und das ist so perfide, kommt die Angst nur schleichend ins Bewusstsein, weil unsere Hoffnungen und Erwartungen, die wir an das digitale Zeitalter und das entstehende Internet der Dinge knüpfen im Augenblick noch viel zu mächtig sind. Oder um es mit einer Zeile des Songs „Boy in the bubble“ aus dem ebenfalls epochalen Graceland Album von Paul Simon zu sagen: „These are the days of miracle and wonder. And don’t cry baby, don’t cry. Don’t cry.“